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MKW goes... Zentrum für Kunst und Medien

ZKM2018PaulinaSchulz

 

Ausstellung – Open Codes: Die Welt als Datenfeld

21. November 2018

 

Open Codes: Die Welt als Datenfeld im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe ist eine Ausstellung, die einlädt. Ihre Besucher*innen werden eingeladen, nicht nur wortwörtlich mit freiem WLAN, Obst und Getränken, die in den Räumen genossen werden können, sondern auch im gedanklichen Sinne. Open Codes stellt Fragen an die Besucher*innen der Ausstellung. Inwieweit ist ihnen bewusst, wie sehr das moderne Leben von Daten abhängt? Wieso vertrauen Nutzer*innen neuer Medien weltweit ihre persönlichsten und sensibelsten Daten seelenlosen Codes an? Und wieso lassen wir tagtäglich, in allen wichtigen Bereichen der Politik, der Wirtschaft und des Gesundheitswesens Algorithmen lebensverändernde Entscheidungen treffen, die nur aus errechneten Wahrscheinlichkeiten bestehen?

Die Ausstellung fordert ihre Besucher*innen heraus, und ganz besonders uns als Erstsemesterstudierende der Medienkulturwissenschaft im Einführungsseminar bei Dr. Bettina Papenburg. Open Codes fragt, was wir eigentlich erforschen, woraus besteht, was wir untersuchen. Sie konfrontiert mit Auswirkungen, die Medien und Daten direkt auf ihre Nutzer*innen haben. Zusammenhänge werden aufgedeckt, die für bloße Nutzer*innen unsichtbar bleiben. Erst ein Blick hinter den Bildschirm verrät, welche Macht Daten haben. Unsere DNA ist Code. Unsere Bewegung sind ein zu errechnender Algorithmus. Als Besucher*in von Open Codes fällt man in ein digitales Rabbit Hole. Jeder Sensor, jeder Klick, jede Nachricht erschafft neue Daten über uns, die uns nach und nach gläsern machen. Das wird schon klar beim Betreten der Ausstellung. Das erste Exponat ist eine Kombination aus Sensoren, die verschiedenste Merkmale der einzelnen Besucher*innen erfasst und speichert. Mit einem speziellen Sensor wird ein digitales Spiegelbild errechnet. An der nächsten Station generiert ein Programm lebensechte 3D-Modelle. Eine Box errechnet erschreckend exakt Alter, Gender, Größe, Haarfarbe und Gesichtsmerkmale. Dann folgt die Dekodierung des genetischen Kodes, die Aufschlüsselung des Genoms, unserer evolutionär wichtigsten und sensibelsten Informationen. In den ersten 60 Sekunden durchschaut uns die Ausstellung, sie entschlüsselt uns.

Das Gefühl des Beobachtet-Werdens folgt in die Ausstellung hinein. Etwa 40 Monitore hängen an Drahtseilen von der Decke und verbildlichen eine immer über uns schwebende Datenwolke. Mikrophone erkennen unsere Stimmen und machen aus Ton geschriebenes Wort. Kopfhörer laden uns ein, in digitale Klangwelten einzutauchen. Ein interessantes und beängstigendes Gefühl, hinter die Kulissen der Technik schauen zu können, und dennoch dabei konsequent erfasst zu werden.

Der Besuch von Open Codes lässt Besucher*innen und vor allem Nutzer*innen neuer Medien mit vielen Fragen zurück. Möchte ich, dass mir so viele Entscheidungen von Wahrscheinlichkeitsrechnungen abgenommen werden? Will ich, dass Daten so wertvoll sind? Kann ich etwas dagegen tun, in diesem Maße kontrolliert zu werden? Und als Student*in der Medienkulturwissenschaft: Sollte ich öfter darüber nachdenken, welche digitalen Konsequenzen das Verhalten von Nutzer*innen verschiedener Medien hat? Der Ausstellungsbesuch macht also vor allem neugierig auf eigene Entscheidungen und zukünftige Fragestellungen, wenn wieder einmal gebeten wird, die Telefonnummer zu Service-Zwecken anzugeben, oder doch tunlichst das Feld für die E-Mail-Adresse auszufüllen.

Diese Daten haben in der digitalen Welt einen hohen Wert, und die Ausstellung zeigt, was mit dieser Währung gekauft werden kann. Ein Besuch lohnt vor allem für alle, die ab und zu das Gefühl beschleicht, es sich langsam hinter dem Bildschirm etwas zu gemütlich gemacht zu haben, denn sie weckt auf. Und stellt Fragen, vor denen sich Nutzer*innen schon zu lange versteckt haben.

 

Wort & Fotografie - Paulina Schulz ©️ 2018